Trauer in einem Kochbuch? Klar, warum denn nicht!

Während meines Projektes „Miteinander kochen“ sind mir viele verschiedene Menschen begegnet.  Einige waren nach Deutschland geflüchtet, andere sind hier verwurzelt. Wir haben auch immer wieder über das Thema Trauer gesprochen. Einiges davon schreibe ich heute nochmal nieder, denn heute ist „Alle reden über Trauer“ Tag!

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Meine Kochtermine mit den Teams waren ja alle absolut unterschiedlich und doch gab es   viele ähnliche Lebensthemen. Trauer ist so ein Lebensthema gewesen. Dafür war es absolut egal ob ich mit Helga aus Team Lautertal über Sternenkinder gesprochen habe, oder mit Layla aus Team Thönse über die Anteilnahme an dem, was den Geflüchteten jetzt im neuen Land an „Traueraufgaben“ gestellt wird. Trauer war aber nicht immer mit dem Tod eines Menschen verbunden. Trauer gab es auch über Dinge des täglichen Lebens. Eine Landschaft, die man jetzt nicht mehr sehen kann. Ein Beruf, dem man nicht mehr nachgehen kann. Das Gespräch mit der Freundin auf einem geliebten Markt. Der Schmerz und die Sehnsucht von den lebenden Verwandten getrennt zu sein. Zutaten für das Lieblingsgericht, die in Deutschland nicht zu bekommen sind. Der Geschmack und der Geruch der Heimat. Eine Endlosliste.

 

Mich hat dieses Projekt wieder einmal mehr sensibilisiert die Kleinen Dinge des Alltages zu schätzen. Im Grunde tue ich das sicher schon sehr oft, denn meine Arbeit im ambulanten und stationären Hospiz- und Palliativbereich haben mich sehr achtsam werden lassen.

Für mein Buch habe ich auch mit Felicitas aus Göttingen gekocht. Das Kartoffelsalatrezept hatte ihr Vater mal per Mail geschickt. Im Grunde ist es nichts aufregendes sowas zu machen. Wir tun das täglich. Aber dann ist ihr Vater sehr plötzlich verstorben. Gemeinsam zu kochen war eine große gemeinsame Leidenschaft. Plötzlich fehlte da jemand und diese Mail mit dem Rezept hat auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Viele meiner Leser haben mir gerade zu diesem Beitrag im Buch ein Feedback gegeben. „Diese Geschichte hat mich sehr gerührt. Deswegen habe ich Heiligabend den Kartoffelsalat für mich und meine Jungs gemacht. Mein Mann ist auch früh verstorben und bei der Zubereitung an ihn zu denken hat mir sehr gut getan.“

Kochen ist also auch Erinnerung, gedanklich bei dem anderen sein. Vielleicht mal eine Zutat dazu schummeln, beim Würzen darüber schmunzeln, dass der andere bestimmt weniger Salz genommen hätte. Gedanklich auch bei mir selber zu sein. Wo steh ich heute, wohin hat mein Trauerweg mich geführt?

Die Geschichte von Ramiza aus Team Neustrelitz hat auch nicht nur mich bewegt. Ramiza ist schon vor fast zwei Jahrzehnten nach Deutschland geflohen und hat durch die riesige Fluchtwelle erneut und mit Wucht die Trauer, Angst und Zerrissenheit von ihrer eigenen Vergangenheit gespürt. Sie hat Unterstützung auf ihrem Weg und geht ihn nicht allein.

Auch das ist Trauer – wir müssen nicht alles allein machen. Einen Teil der Strecke können wir uns auch ruhig mal tragen lassen. Von anderen. Danach geht es sich manchmal leichter.

Wir haben auch viel gelacht und uns anderen Lebensthemen gewidmet. Trotz der Schwere, die manchmal in der Luft schwebte. Mit meinem Team Köln habe ich über Politik diskutiert, in meinem Team Berlin haben die Stadtteilmütter in der Begleitung von jungen Familien eine Aufgabe übernommen, die fehlende Familienstrukturen ersetzt. Was für tolle Institutionen durfte ich da besuchen.

Trauer ist also auch „anpacken“, sich nicht verstecken, Lösungen finden und Wandel akzeptieren.

Die Trauer über den Verlust der Heimat war in allen Teams ein Thema. Im Team Burgwedel hat Hasan mit Edda schnell Kontakt und Unterstützung gefunden. Genauso geht es auch der Familie Darwesh aus Team Steinheim mit Myriam und Micha. Wie traurig ist es, wenn eine Oma nicht ihr Enkelkind sehen kann und dann meine Fotografin Catharina zumindest ein wunderschönes Portrait für die Oma macht und damit meinem Team Wedel ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Die Arbeit von Kurt und Viola in einer Erstaufnahmeeinrichtung fordert ein besonderes Maß an Selbstfürsorge für die Helferinnen und Helfer. Umso mehr war ich beeindruckt von der Öffentlichkeitsarbeit und dem zusätzlichen privaten Engagement, in meinem Team Calden.

Trauer braucht auch Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Wir brauchen in unserer Trauer Menschen die uns verstehen, die emphatisch sind, die nicht die Straßenseite wechseln, wenn wir sie mit unserer Trauer konfrontieren.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tafeln schenken nicht nur viel Zeit in ihrem Engagement, sondern auch ein Lächeln und Wertschätzung für die Menschen, die auf dieses wunderbare Angebot angewiesen sind. An einem traurigen Tag unvorstellbar wertvoll.

Die Mitglieder des Bundesverbandes Trauerbegleitung sorgen durch ihre Arbeit unter anderem dafür, dass Trauernde in der Öffentlichkeit gesehen werden. Es ist großartig, dass unsere Gesellschaft so langsam wieder lernt das Sterben und den Tod ins Leben zu lassen. Aber damit ist das Thema doch nicht beendet, denn die Zugehörigen leben und das hoffentlich zunehmend auch in „lauter“ Trauer!

Danke an Silke für diese wunderbare Idee! Da habe ich doch gerne in meinen Erinnerungen gestöbert und mir Gedanken gemacht. Unser Buch mit allen Geschichten und Rezepten kann man für 4 Euro kaufen – inklusive Spende an die Bundesverbände der Tafeln und Trauerbegleitung. Beim Verlag oder in der Buchhandlung vor Ort oder auch online.

Herzliche Grüße und heute wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein extra Portion Achtsamkeit und vielleicht eine kleine Geste für einen Trauernden? Wäre doch schön!

Ihre Nici Friederichsen

 

 

 

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